Blutgräfin & Bio-Hacking: Die Gier nach ewiger Jugend
Der Tod lässt sich nicht überlisten. Von rücksichtslosen Bluttherapien bis hin zum Organraub in China – lesen Sie die erschreckende Geschichte menschlicher Hybris.
Zusammenfassung: Das Streben nach Unsterblichkeit hat sich gewandelt: Was einst als blutiges Verbrechen in den Karpaten begann, tarnt sich heute als High-Tech-Wissenschaft und Transhumanismus. Ob durch umstrittene Bluttransfusionen im Luxussegment oder den grausamen Organhandel in autoritären Systemen – das Ziel bleibt die Überwindung der menschlichen Endlichkeit. Doch hinter den technologischen Allmachtsphantasien verbirgt sich oft nur eine tiefe, säkulare Todesangst. In einer Welt ohne metaphysischen Halt wird das nackte Überleben zur Ersatzreligion. Am Ende zeigt uns der Fall Báthory wie auch die moderne Bio-Industrie eines: Der Versuch, die Ewigkeit zu erzwingen, führt oft zum Verlust unserer Menschlichkeit. Wahre Unsterblichkeit liegt vielleicht eher im Akzeptieren unserer Grenzen.
In den Schatten der Karpaten wurde ein Mythos geboren, an dem sich die moderne Kriminalgeschichte bis heute abarbeitet: Elisabeth Báthory, die „Blutgräfin“. Der Mythos um die Gräfin besagt, dass weibliche Gewalt so unvorstellbar ist, dass sie nur durch das Übernatürliche – durch Teufelspakte oder Wahnsinn – erklärt werden kann. So zumindest die damalige Meinung.
Doch für den Historiker ist Báthory weit mehr als eine Schauergestalt; sie ist eines der best-dokumentierten Beispiel für die strategische Ausnutzung von Machtasymmetrien durch eine Frau der Neuzeit.
Elisabeth Báthory: Die Systemtäterin der Macht
Im 16. Jahrhundert wurden Frauen wie Báthory – ähnlich wie ihr männliches Pendant Gilles de Rais – primär magischer Praktiken wie Hexerei oder Lykanthropie beschuldigt. Die tatsächlichen Morde wurden oft als zweitrangiges Symptom eines spirituellen Verfalls gewertet.
Seziert man ihren Fall heute mit der Psychopathy Checklist-Revised (PCL-R), ergibt sich ein verblüffendes Bild: Ihr geschätzter Score von 17 liegt weit unter der klinischen Schwelle für Psychopathie (30+). Dies beweist, dass Báthory keine impulsiv-triebgesteuerte Mörderin war, sondern eine kühle Systemtäterin, die innerhalb eines moralischen Vakuums agierte. Sie ließ junge Frauen in ihrer Umgebung ermorden und soll in ihrem Blut gebadet haben - ganz einfach, weil sie es konnte. Vermutlich war ihr jedes Schuldgefühl fremd, da sie glaubte mit dem einfachen Volk umgehen zu können, wie sie wollte. Doch dem war eben nicht so, sie übertrat die damaligen Grenzen und ihrem Treiben wurde nicht durch einen Mob ein Ende bereitet, der ihre Burg stürmte. Es waren ihres Gleichen die erkannten das - im Kontext der damaligen Zeit - eine Grenze überschritten war, wenn man aus Báthorys Motiven heraus mordete.

Heute illustriert ihr Streben nach ewiger Jugend durch das Blut Unschuldiger vor allem eine zeitlose, dunkle Facette menschlicher Hybris.
Die moderne Blutgräfin: Anti-Aging-Transfusionen für die Elite
Und die Hybris hat sich bis in unsere Zeit erhalten, auch wenn die neue Aristokratie, die sich durch Geld, statt altem Adel erschafft, und dank der Wissenschaft nicht mehr ganz so brutal vorgehen muss, um an das Blut anderer zu kommen. Aber um echtes menschliches Blut geht es dennoch.
Alice Chiu, Kosmetik-Unternehmerin und Millionärin aus Hongkong, muss heute nicht mehr morden, um sich einer Behandlung unterziehen zu können, bei der das Blut junger Männer zum Einsatz kommt. Diese Praxis, die in der wissenschaftlichen Debatte als Parabiose oder “Young Blood Transfusion” bekannt ist, basiert auf der umstrittenen Annahme, dass Anti-Aging-Faktoren im jungen Blut den Alterungsprozess verlangsamen könnten. Wissenschaftliche Studien am Menschen, die diese Wirkung belegen, existieren jedoch nicht; vielmehr warnen maßgebliche Gesundheitsbehörden wie die US Food and Drug Administration (FDA) explizit vor den nicht nachgewiesenen Vorteilen und den erheblichen Risiken derartiger Transfusionen. Dazu gehören Infektionsgefahren, allergische Reaktionen und die Risiken einer unnötigen Immunsuppression.
Bekannt ist Chiu allerdings nicht nur als Millionärsgattin, Charity-Lady und selbst erfolgreiche Unternehmerin. Wer Bilder der Mitte-50 Jahre alten Frau sieht, würde sie deutlich jünger schätzen. Ob der augenscheinliche Erfolg auf dieser umstrittenen Therapie beruht, wird von den meisten Experten zwar bezweifelt – die Risiken hingegen sind real. Aber der Glaube versetzt bekanntlich Berge, vielleicht kann er auch ein paar Gesichtsfalten glätten.
Die Krankenkasse zahlt derartige Behandlungen auf jeden Fall nicht. Medienberichten zufolge muss sie für eine der rund 50.000 bis 100.000 US-Dollar teuren Behandlungen nach Moskau fliegen. Ziemlich teuer, aber an Geld dürfte es in der Familie nicht mangeln.
Die moderne Gräfin Báthory fordert als Opfer also nur hier und da einen Picks zur Blutabnahme. Und da man davon ausgehen kann, dass die jungen männlichen Blutspender handverlesen sind, werden sie zwar in der Einkommenskette ganz unten stehen, aber auch nicht leer ausgehen. Am Ende kommt dabei niemand zu Schaden - wahrscheinlich. (Vielleicht abgesehen von jenen, für die eine Blutspende lebensnotwendig gewesen wäre und nicht Bestandteil einer obskuren Behandlungsmethode ist.)
Organhandel im Schatten des chinesischen „981 Gesundheitsprojektes“
Ganz sicher zu Schaden gekommen sind Menschen, die im Rahmen des chinesischen “981 Gesundheitsprojektes” (981 首长健康工程) als menschliches Ersatzteillager missbraucht wurden.
Auch hier spielt Moskau eine gewisse Rollen, denn lange galt 981 als Verschwörungsmythos, wie man ihn sich sonst nur noch im Kalten Krieg erzählte. Wer würde schon glauben, dass alte Parteikader der KP China Menschen hinrichten lassen, weil sie deren Organe für den eigenen Körper brauchen. Neben den Aussagen eines Überläufers war es ein der Zensur entgangener Clip, der eine Unterhaltung zwischen Wladimir Putin und Chinas Machthaber Xi darüber zeigte, dass man bald 150 Jahre alt werden könne, der die Gerüchte um 981 bestätigte.
Heute weiß man, dass nicht nur Todesurteile auf den Organhunger der alten Parteikader zurückgehen, sondern dass gerade die Verfolgung der Falun Gong-Sekte den Kommunisten in die Hände spielte. Deren Organe waren besonders begehrt, mieden die Sektenmitglieder doch zeitlebens Alkohol oder Nikotin und folgten, anders als manch Todeskandidat, ganz allgemein einer gesunden Ernährung. Eine perfekte Vorratskammer auf zwei Beinen, aus der sich die Bonzen der Kommunistischen Partei nur noch bedienen mussten.
In einer Zeit, in der fast überall Spenderorgane kostbar und die Listen der auf die lebensrettenden Organe Wartenden lang ist, darf man es allerdings als ein offenes Geheimnis betrachten, das nicht nur Macht in einem totalitären Staat, sondern Geld dabei hilft schneller an eine Niere zu kommen - egal welche Staatsform dort gerade in der Verfassung steht. Die Zahl der armen Menschen ist groß, die für Geld auf eine ihrer beiden Nieren verzichten und das belegte Beispiel der chinesischen Vorgehensweise legt nahe, dass man auch Mittel und Wege kennt für die richtige Summe an ein Herz oder andere Organe heranzukommen, dessen “Spender” nicht darauf verzichten und danach weiterleben kann.
Der Endsieg des Liberalismus
Ähnlich wie die Ukraine vor dem Krieg reichen westlichen Eliten Gebärmütter wie am Fließband zur Verfügung stellte, war und ist auch so manch osteuropäischer Staat Einkaufsland für internationale Organhändler. In Ländern wie Moldawien sind Nieren schon für ein paar Tausend Euro zu haben, für den Großhändler, der Endkunde im liberalen Westen zahlt meist den zehnfachen Preis. Leihmutterschaft oder Organhandel ist das Endstadium der Symbiose von Kapitalismus und Liberalismus. Der eine bezahlt, der andere erklärt es zu einem Sieg der Freiheit, sich dafür bezahlen zu lassen. Was anders als der Endsieg des Liberalismus sollte dieser Vorgang auch sein? Was mehr kann man verkaufen als Teile seines Körpers oder einen Körper selbst?
Der Preis der Ewigkeit: Kapitalismus, Atheismus und Transhumanismus
Dabei würfe schon das Beispiel Alice Chiu die moralische Frage auf, ob die moderne Geldelite die unteren Schichten nicht buchstäblich für sich bluten lässt. Und das, man muss es noch einmal sagen, ohne überhaupt einen wissenschaftlichen Beleg zu haben, das diese moderne Blutrünstigkeit - auch wenn sie keine Todesopfer fordert - irgendeinen Effekt hat.
In gewisser Weise lässt sich heute, ähnlich wie zu Zeiten der berüchtigten Blutgräfin, das selbe gesellschaftliche Phänomen beobachten: Es sind nicht nur Zeiten, in denen der entfesselte Kapitalismus rücksichtslos über Leichen geht und die soziale Ungleichheit verschärft, sondern auch eine Epoche, in der die traditionelle Religiosität und der Glaube an ein transzendentes Jenseits dramatisch zurückgehen. Die Konsequenz dieser Erosion metaphysischer Gewissheiten ist eine tiefgreifende Verschiebung der Lebensperspektive: Wer nicht mehr an ein ewiges Seelenheil nach dem Tod glaubt, für den gewinnt das irdische Dasein eine nahezu absolute Bedeutung. Das Diesseits muss, koste es, was es wolle, so lange wie nur irgend möglich ausgedehnt werden.
Dies ist in gewisser Weise der existenzielle Preis, den der konsequente Atheist oder Agnostiker zu zahlen bereit ist, und der im Westen seine technisch am weitesten entwickelte Ausprägung in den USA findet, insbesondere im innovationsbesessenen Silicon Valley. Dort floriert der sogenannte Transhumanismus. Diese Ideologie ist getrieben von dem ehrgeizigen Ziel, die grundlegenden menschlichen Beschränkungen – Krankheit, Alterung und letztlich den Tod – mittels Technologie zu überwinden.

Die oft irrwitzig anmutenden Vorstellungen von Ikonen dieser Bewegung, wie dem Futurologen Ray Kurzweil, der propagiert, das menschliche Gehirn uploaden zu können, um ein digitales, ewiges Leben zu erlangen, mögen in ihrer technischen Voraussicht vergleichsweise harmlos erscheinen. Sie sind Ausdruck einer tiefsitzenden, fast schon kultischen Todesangst, die durch technologische Allmachtsphantasien kompensiert wird. Ergänzt wird diese geistige Haltung durch eine wachsende Industrie an “Longevity”-Mitteln: Die obskuren Pillencocktails, Nahrungsergänzungsmittel und teils experimentellen Behandlungen, die man sich heute schon in den gehobenen Zirkeln des Transhumanismus einwirft, um die biologische Uhr anzuhalten oder zurückzudrehen, schaden jedoch zumindest vorerst primär dem eigenen Geldbeutel und den Transhumanisten selbst. Sie werden zu Versuchskaninchen ihrer eigenen ungeduldigen Suche nach Unsterblichkeit.
Dieses Streben ist weniger ein rationaler Fortschrittsgedanke als vielmehr eine säkulare Ersatzreligion, die den Tod nicht als natürlichen Abschluss, sondern als überwindbaren technischen Fehler betrachtet. Oder der liberal-aufgeklärte Mensch hat mit revolutionärem Verve Gott hinausgeworfen, nur um festzustellen, dass er ganz allein auf sich gestellt nur ein endliches und unbedeutendes Ding ist, das mit zunehmender Verzweiflung gegen diese Erkenntnis anzukämpfen beginnt.


